Farce et misère oder von der Abnutzung des Glücks durch die Realität - von Nauplios

 

Keine Zeit zu haben ist für den Zeitgeist eine der Grundbefindlichkeiten, zu deren Abhilfe mannigfaltige Anstrengungen unternommen werden. Zeit ist eine knappe Ressource, deren Ökonomisierung im Zeitgewinn ihren Ausdruck findet. Eingespart wird die Zeit vor allem dort, wo sie vermeintlich unnütz "kostet" - etwa beim Reisen. Um von A nach B zu gelangen, stehen dem Reisenden des 21. Jahrhunderts Mittel zur Verfügung, die den Zeitverlust auf ein technisch kaum noch zu unterbietendes Minimum reduzieren. Per Schiff zu reisen, zählt da schon zu den Anachronismen, die sich vornehmlich leisten kann, wer eines hat - Zeit. Im Jahrhundert des Reisens, im 19. Jahrhundert, dagegen sind Schiff und Postkutsche selbstverständliche Transportmittel und das Paradoxe daran ist vielleicht, daß man mehr Zeit hat, weil die Mittel und Techniken zur "Gewinnung" der Zeit noch wenig entwickelt sind.

 

 

Ein solcher Reisender des 19. Jahrhunderts ist Frédéric Moreau, der Antiheld in Flauberts Éducation sentimentale. Der Leser gleitet mit ihm an Bord der Ville-de-Montereau nach Surville, fährt mit ihm per Kutsche nach Paris, im Zug nach Creil oder im Landauer durch die Wälder von Fontainebleau. Frédérics Erfahrungen von der Welt sind nicht zuletzt er-fahren; Abfahrten und Ankünfte sind Topoi, die die Education sentimentale wie Leitmotive durchziehen. "Reisen ist ein Thema, das sich leicht zur Initiation eignet." (Roland Barthes; Sade, Fourier, Loyola; Frankf. 1974, S. 21) - Auch Flauberts "Geschichte eines jungen Mannes beginnt mit einer Reise und mit dem Rätsel der verlorenen Gewißheit der Ankunft, das sich metaphorisch in jeder Abfahrt neu stellt. Flaubert konfrontiert den Leser zunächst mit einem Wirrwarr von Lärm, Dunst und Betriebsamkeit. Die Matrosen verrichten ihre Arbeit routinemäßig und sprachlos. Ein Kapitän ist nirgends zu sehen. Fast möchte man mit einer Formel Musils sagen: seinesgleichen geschieht. Die Anonymität der maschinellen Bewegung findet ihren Ausdruck darin, daß die Reisenden den Fortschritt der Fahrt nur am vorbeigleitenden Ufer sehen können. - An Bord der Ville-de-Montereau herrscht nach der Hektik des Ablegemanövers Ruhe; die Reisenden haben ihren Platz gefunden. Es ist die Ruhe, die nach den Aufgeregtheiten des Sichzurechtfindens eingekehrt ist, eine Stille aus der Anpassung heraus, aus dem Arrangement mit den gegebenen Umständen - "tous avaient pris leur place". Dieses Arrangement gilt solange wie das reibungslose Funktionieren der Maschinen, deren Anblick den Passagieren am Deck verborgen bleibt, gewährleistet ist. Mitten unter ihnen "un jeune homme de dix-huit ans, à longs cheveux et qui tenait un album sous son bras, restait auprès du gouvernail, immobile."

Frédéric Moreau bricht auf zu neuen Ufern. Er schmiedet politische Pläne mit seinem Freund Deslauriers, plant seine berufliche Karriere mithilfe von Beziehungen zu den Dambreuses, beginnt ein Studium und träumt von der Erfüllung seiner Liebe zu Madame Arnoux. All diese Wunschbilder und Glücksaspirationen werden am Ende scheitern und von der Mediokrität der bürgerlichen Gesellschaft absorbiert. Frédéric wird nie "ankommen". Wie schon in Madame Bovary sind Leidenschaft und Glück nicht von Dauer; wie die Geschiche Emmas ist auch die "Geschichte eines jungen Mannes" eine der Desillusionierung. Flauberts "Helden" scheitern an der Wirklichkeit, weil sie sie verkennen und weil sie korrumpierbar sind durch ihr Glücksstreben und okkupiert vom Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung. Anders als Madame Bovary endet die Éducation sentimentale nicht mit einer Katastrophe, weil Frédéric sich der "fatalité" insoweit zu entziehen vermag, daß er Madame Dambreuse nicht heiratet, wozu ihn seine Karrierewünsche zweifellos verführen könnten.

 

 

 

Flaubert verzichtet auf Erklärungen und auf Deutung von Zusammenhängen. Er zeigt die Tragik des Menschen, das Leid des einzelnen und das traurige Groteske der Welt. Die Farce des Daseins und die Sinnlosigkeit der menschlichen Glücksbesorgungen zu erfassen, ist keine Angelegenheit rationaler Erkenntnis, sondern steht im Zentrum einer literarischen Ästhetik, die mit den Mitteln des unpersönlichen Erzählens, der "impassibilité" und "impartialité", ihres Gegenstandes habhaft zu werden versucht. In der Éducation sentimentale erreicht diese Erzähltechnik ihren Höhepunkt, da das Innenleben des Protagonisten nicht vom Erzähler vermittelt wird, sondern aus der Summe der situationsspezifischen Bewußtseinsaufnahmen erschlossen werden muß. - Der "Realismus" Flauberts, der die bürgerliche Trivialität in ihrer ganzen Ungeheuerlichkeit transparent macht, erreicht mit der Éducation sentimentale eine bis dorthin in der Prosa unerreichte Perfektion.

 

 

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