"Ach, mit dem Tod ist es gar nicht so schlimm! dachte sie - Ich schlafe einfach ein, und dann ist alles aus!" - Das ist Emma Bovarys letzte Illusion, die des sanften Todes, der vom Leben befreit. Sie wird sich so wenig erfüllen wie alle Illusionen in ihrem Leben. Die "realistische", fast wissenschaftlich genaue Schilderung der Details von Emmas Vergiftung und der damit einhergehenden körperlichen Symptome stehen im krassen Gegensatz zu den romantischen Vorstellungen, die sich die Heldin des Romans vom Sterben macht.

Madame Bovary - das ist die Geschichte einer unablässigen Konfrontation von Illusion und Desillusion, von Traum und Wirklichkeit. Immer wieder kommt es zur Kollision von hochfliegenden Lebens- und Sinnerwartungen mit den Banalitäten und Borniertheiten eines kleinbürgerlichen Provinzmilieus. Der Glücksanspruch auf das gelingende Leben wird in Emmas grauem Ehealltag mit dem Landarzt Charles Bovary vielfach zurückgewiesen. Doch selbst im doppelten Ehebruch mit Rodolphe und Léon kommt Emma zu der schmerzlichen Erkenntnis, daß man letztlich auch in außerehelichen Bindungen nichts anderes wiederfindet als "alle Plattheiten der Ehe".

Als der Roman 1856 in der Revue de Paris veröffentlicht wird, kommt es zu einem Prozeß gegen Flaubert wegen Gefährdung der öffentlichen Moral, den Flaubert mithilfe der geschickten Verteidigung seines Anwalts Sénard gewinnt. Als Madame Bovary ein Jahr später in Buchform erscheint, wird der Roman beim Publikum ein großer Erfolg. - Nach 26-jähriger Arbeit erscheint 1869 ein Werk, das in der Literatur und in der Literaturästhetik Maßstäbe setzen sollte: L´éducation sentimentale.

 

Im Gegensatz zu Emma Bovary ist Frédéric Moreau ein "Antiheld", sofern er sich am Ende mit seinem bedeutungslosen Leben zu arrangieren weiß. Er scheitert an seiner Unfähigkeit zur Selbstverwirklichung und paßt sich der Mittelmäßigkeit der Nebenfiguren an. Seine schwärmerische Liebe zu Madame Arnoux bleibt ebenso unerfüllt wie seine politischen Ideale; die "éducation sentimentale" ist gleichermaßen eine "éducation politique". Der Roman endet mit zwei bezeichnenden Szenen: als nach 27 Jahren Frédérics große Liebe wieder bei ihm auftaucht und ihm ihrerseits ihre Liebe gesteht, ist er enttäuscht: "Als sie zurückkehrten nahm Madame Arnoux den Hut ab. Die Lampe, die auf einer Konsole stand, beleuchtete ihr weißes Haar. Das war wie ein Stoß in die Brust. Um ihr die Enttäuschung zu verbergen, kniete er nieder, und ihre Hände fassend, begann er ihr Zärtlichkeiten zu sagen ... Auf dem Trottoir winkte Madame Arnoux eine vorüberkommende Droschke heran. Sie stieg ein. Der Wagen verschwand. Und das war alles." - Auch die zweite Szene zeigt, daß die "Erziehung des Herzens" kein Prozeß der Vervollkommnung ist, sondern einer der Abstumpfung: Frédéric und sein Jugendfreund Deslauriers erinnern sich an einen Besuch im Bordell und mit dem Satz "Das ist doch das Beste, was wir erlebt haben!" endet der Roman.

links ein handschriftlicher Entwurf Flauberts - rechts die Flaubert-Statue in Rouen

 

 

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