(1908)

 

Das Katharineum in Lübeck ist ein berühmtes Gymnasium. Es wurde 1531 gegründet und seine korrekte Bezeichnung ist heute "Städtisches Gymnasium für Jungen und Mädchen mit altsprachlichem Zweig". Berühmte Naturwissenschaftler, Künstler und Schriftsteller sind aus seinen Reihen hervorgegangen - etwa der Mathematiker Joachim Jungius, der Maler Johann Friedrich Overbeck, der Archäologe Ernst Curtius. Der Novellist Theodor Storm ging hier zur Schule, auch Heinrich und Thomas Mann. Die Schulbänke des Katharineums drückten berühmte Industrielle wie Werner von Siemens und Bernhard Dräger genauso wie der "Revolutionär" Erich Mühsam. Zu den prominenten Schülern des Gymnasiums gehört auch ein Philosoph - der "Klassenprimus" Hans Blumenberg.

1939 - Blumenberg ist in der Terminologie der Nazis ein "Halbjude". Der Direktor des Katharineums hätte ihm am liebsten das Reifezeugnis verweigert. Da er zum Studium an einer Universität nicht zugelassen wird, weicht er auf kirchliche Hochschulen in Paderborn und Frankfurt aus. Doch auch dies wird ihm schließlich untersagt und so kehrt er nach Lübeck zurück, um im Dräger-Werk zu arbeiten. 1944 wird Hans Blumenberg verhaftet und in ein Lager verbracht, aus dem ihm glücklicherweise die Flucht gelingt. Bis zum Mai 1945 hält ihn die Familie seiner späteren Frau versteckt.

Nach dem Ende des Krieges darf Blumenberg endlich studieren, in Hamburg und Kiel. Die Knappheit der Lebenszeit wird ein Thema in Blumenbergs philosophischem Werk sein. "Sie haben in ihrem Leben keine Zeit verloren. Ich habe acht Jahre verloren, die ich aufholen muß." sagt er 1980 in Darmstadt bei der Verleihung des Siegmund-Freud-Preises zu Odo Marquard. Um die verlorene Zeit wieder aufzuholen, gewöhnt sich Blumenberg an, nur noch sechsmal in der Woche zu schlafen. In seiner Schreib- und Bücherhöhle im westfälischen Altenberge arbeitet er nachts und ist in den letzten Lebensjahrzehnten für niemanden mehr zu sprechen. Keine Termine - keine Interviews. Die Klingel am Höhleneingang ist abgestellt. Nur drei Unentwegte wagen es noch, gelegentlich Telephonkontakt herzustellen. Seine letzten Arbeiten publiziert er nicht mehr. "Für wen eigentlich noch?" soll er gefragt haben. Odo Marquard hat darauf die richtige Antwort gegeben: "für uns und für ihn, den wir uns, auch durch ihn selber, nicht nehmen lassen dürfen." (Die Kunst des Überlebens. Nachdenken über Hans Blumenberg. Frankfurt 1999; S. 27) 1996 stirbt Hans Blumenberg an einem Herzinfarkt.

Einen "skeptischen Skeptiker" hat Eckard Nordhofen Blumenberg in seinem Nachruf in der Zeit genannt, weil er auch skeptisch gegenüber seiner eigenen Skepsis war. Seine Philosophie ist auch ein Plädoyer für die "Kontingenzkultur" und gegen die "Diskriminierung des Trostes"; in ihr finden sich nirgends Remeduren zur Verbesserung der Welt, wohl aber Geschichten vom menschlichen Umgang mit dem Zufall. Wie läßt sich in einer gleichgültigen, sinnlosen und rücksichtslosen Wirklichkeit leben? Wie kann diese unerbittliche Wirklichkeit ausgehalten werden? Welche Geschichten, Mythen und Metaphern sind es, in denen der Mensch sein Dasein zu verstehen sucht und die ihm Schutz und Distanz vor dem "Absolutismus der Wirklichkeit" verschaffen? -

 

 

"Der Mensch führt sein Leben und errichtet seine Institutionen auf dem festen Lande. Die Bewegung seines Daseins im ganzen jedoch sucht er bevorzugt unter der Metapher der gewagten Seefahrt zu begreifen." - So beginnt eine kleine Schrift Blumenbergs - Schiffbruch mit Zuschauer. Meerfahrt und Astronomie sind die zwei Großprojekte, in denen der Mensch seinen von der Natur zugewiesenen Platz auf dem festen Land verläßt - horizontal das Meer mit seiner mal glatten mal rauh bewegten Oberfläche, vertikal das Sternen"meer" als unberührtes und ungerührtes Universum.

Fast versteht es sich von selbst, daß hier keine Bilder von Hans Blumenberg präsentiert werden. Überhaupt gibt es davon in der Öffentlichkeit nur ganz wenige. Auf den Seiten des Suhrkamp-Verlages findet sich eines, das aus den 60er Jahren stammen dürfte. Michael Krüger schreibt in einem Akzente-Heft treffend: "Wer ihn sehen will, muß ihn lesen."

 

 


 

 

 

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